Erzählung vom Frankensteig - Das Kaadner Land

Direkt zum Seiteninhalt

Hauptmenü:

Der Frankensteig
von Julius Schneider
Bad Hersfeld, früher Woslowitz

In den zwanziger Jahren, als ich noch zur Volksschule in Kettwa ging, kreuzte ich in der Nähe der Reim- Mühle den Frankensteig. Als kleiner Junge machte ich mir damals keine grossen Gedanken über diesen Steig, der als Verbindungs- beziehungsweise als Abkürzungsweg vom Egertal in östlicher Richtung über die Ausläufer des Liesenstockes ins Rotstiefeltal (Koititz, Wilken, Rodbern) führte. Es war ein steiniger und steiler Steig und ich erinnere nur an den Sauanger (Gemarkung Kettwa), Schwarzberg mit Hühnerkoppe. Trotz alldem aber wurde dieser Steig von den Einwohnern der Dörfer, die rings um den Liesen lagen und in die Gemeinden des Egertales, vor allem nach Pürstein wollten, viel benutzt.
Nach dem Ersten Weltkrieg, bis weit in die 30er Jahre hinein gab es noch wenige Molkereien. Der Butterhandel blühte. Es waren vor allem die "Klanthola Buttaweiwa" (Kleintaler Butterweiber), die wöchentlich zweimal diesen Steig in östlicher Richtung ins Duppauer Gebirge  benutzten. Es waren zwei oder drei Gruppen, angeführt von der Honsana, Gogscha, Totzauera, Katla, Katl Tona, Meinelta und von Tschirnitz der Müllter Seff.
Mit einem Buckelkorb mit Einsatz auf dem Rücken, ein buntes Tuch darüber gebunden und je nach Jahreszeit einen kräftigen Stock in der Hand, stapften sie schon frühmorgens um Sieben über die Felder des Husselwitzer Müller hinauf. Manchmal ging der einen oder anderen mal die Luft aus und sie mussten verschnaufen. Dabei wurde auch mal ein Schluck aus dem Fläschchen genommen, das man wohlverborgen in einer Tasche unter der Schürze trug.
Im Sauanger trennte man sich. Die einen gingen in Richtung Spinnelsdorf- Harkau, die anderen nach Grün, Humitz, Merzdorf und Liesen und kauften bei den Bauern Butter, Quark und Eier auf. Eine jede hatte ganz bestimmte Bauernhöfe. Selbst über Generationen wurde dort eingekauft.
Der Heimweg war noch beschwerlicher. Manchmal wurde gegen ein kleines Entgelt der Humitzer Seff eingestellt. Am Nachmittag gegen 1/2  3 und 4 Uhr kamen sie wieder bei der Woslowitzer Überfuhr an und liessen sich von der "Konnersa" über den Egerfluss setzen, um dann über Tschirnitz, Pürstein nach Kleinthal weiterzugehen. So ein Butterkorb war nicht leicht. Dreissig Kilo und mehr hatten die Frauen zu jeder Jahreszeit getragen. Am folgenden Morgen früh um Fünf ging es dann über Steingrün, Zankholz zum Kupferberger Bahnhof und von hier fuhr man zum Wochenmarkt nach Weipert.
Den Pürsteiner Fleischer und von Tschirnitz der Hermann Gust (Schönfelder) möchte ich ebenfalls erwähnen, die diesen Steig oft benutzten um in den Dörfern rings um den Liesen Schlachtvieh einzukaufen.
Im Frühjahr, vor und nach Ostern, kamen die "Perstaner Fleischerbossn". Frisch und froh, sauber gekleidet mit einer gutsitzenden Fleischerbluse und mit einem eichenen Stock in der Hand ging es dann den Frankensteig hoch, um in den Dörfern Ziegenlämmer zu kaufen. Ein Spezialist im Ziegenhandel war der Hermann Gust, besonders im Herbst mit den sogenannten Häberlingen. Wenn der mit seinem Zweier- oder Dreiergespann ankam, gab es oftmals ein Gelächter. Die Ziegen waren mitunter auch bockbeinig und wollten nicht laufen. Da musste unser Hermann Gust auch manchmal mit dem Stock nachhelfen.
Ein originelles Paar will ich nicht vergessen. Es war der allbekannte "Hersch Albin" mit seiner Frau. Sie kamen wohl vom Erzgebirge und haben mit Heringen, Heringsschnitzel und Rollmöpsen gehandelt. Ihre Ware kauften sie in Schmiedeberg ein. Ihr Absatzgebietwaren die Dörfer im Egertal und um den Liesen. Da beide einen kleinen Sprachfehler hatten, wurden sie oft auf die Schippe genommen.
Der Humnitzer Seff war natürlich nicht vom Frankensteig wegzudenken. Oft machte er Botengänge und vor allem zu Festzeiten kam er ins Egertal. Angetan war er mit einem langen dunklen Rock, schwarzem Hut, (Halbkracher, Zylinderhut oder Uniformmützen), einen Kartoffelsack im Arm und der Stock fehlte auch nicht. Den Stock brauchte er vor allem um sich der bösen Buben zu erwehren, die ihm den Sack abnehmen wollten. So ging er von Haus zu Haus um Krapfl oder Moritzeln (Mohnkuchen) zu sammeln.
Zu guter Letzt will ich noch von einem üblen Streich berichten. Den Namen will ich nicht nennen. Es waren Vater und Tochter. Sie kamen vom linken Egerufer und handelten ausser mit Butter auch mit Geflügel. Dieses wurde lebend transportiert. Vor allem die jungen Tauben verschwanden in den Rocktaschen. Die Taschen waren sehr kleich. So waren die Vögel im Unterfutter untergebracht. Es geht eben nichts über gute Einfälle. Doch einmal hat man den lieben Handelsleuten einen bösen Streich gespielt. Mit schweren Körben und schweisstriefend kamen Seff und Tochter vom Einkauf bei der Woslowitzer Fähre an. Von den Fuhrleuten war keiner zu Hause. Zeit hatte man auch keine. In seiner Not ging Seff zur nahen Eisenbahn., wo zufällig eine Kolonne mit Gleisbauarbeiten beschäftigt war, und ersuchte sie, ihn mit Tochter ans andere Egerufer zu rudern. Ein Bekannter kam dieser Bitte nach. Er ging mit den Beiden zum Kahn. Die Tochter bestieg als erste den Kahn und besetzte die hintere Bank. Den Korb musste sie vor sich auf den Boden des Kahns stellen. Dann sieg Seff ein. Aber bevor er den Korb richtig hinstellen konnte, stiess der Fuhrmann den Kahn ab, ohne selber einzusteigen. Die Strömung nahm den Kahn gleich mit und es ging flussabwärts. Da der Seff den Korb vor sich stehen hatte, konnte er in dem schmalen Kahn nicht an das Ruder gelangen. Er musste wohl oder übel die unfreiwillige Reise antreten. Bei den Bahnarbeitern war das Hallo gross. Sie brachen in ein schallendes Gelächter aus und fragten Seff, ob er nach Hamburg fahren wolle. Da er sich in dem engen Kahn nicht bewegen konnte, ohne zu kentern, musste Seff den Spott über sich ergehen lassen. Nach etwa 200 Metern Talfahrt trieb es den Kahn in einer Krümmung an das Ufer. Er konnte sich an das Weidengebüsch klammern und in Sicherheit bringen. Die Hamburgfahrt war wochenlang im Gespräch und nur der Seff wollte nichts davon hören. Mit der Zeit wurde der Streich vergessen und der Seff lachte auch darüber.
So manche Landsleute werden sich an diese Begebenhait erinnern und wehmütig an die Zeit denken, als noch die Klaatola Butterweiwa, der Herschablin, der Humitzer Seff, die Perschtaner Fleischerbossn und viele andere den Frankensteig mit Leben füllten.
Abschrift aus dem Kaadner Heimatbrief März 1977 von Ortsbetreuung Kettwa- Woslowitz am 30.5.1999

 
Zurück zum Seiteninhalt | Zurück zum Hauptmenü